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Deindustrialisierung in Deutschland?

Deutschland verliert Monat für Monat Tausende Industriearbeitsplätze – mit weitreichenden Folgen für Wohlstand, Steuereinnahmen und soziale Sicherung. Welche Reformen bei Energie, Arbeit, Bürokratie und Staatsausgaben sind nötig, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen?
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, Prof. Dr. Matthias Schumann

Deindustrialisierung in Deutschland?

Eine Deindustrialisierung bedeutet eine Schrumpfung des industriellen Sektors in einer Region oder einem Land. Damit verbunden ist ein Verlust von Arbeitsplätzen in diesem Sektor. Mit dem Abbau von Industrieunternehmen ist auch ein Verlust an Steuereinnahmen verbunden.

Arbeitsplatzverluste und wirtschaftliche Folgen

In Deutschland gehen z. Zt. mehr als 10.000 Arbeitsplätze pro Monat im industriellen Sektor verloren. Betroffen sind mit über 40 Prozent die Automobil- und Automobilzulieferindustrie und zu etwa gleichen Teilen der Maschinenbau und die Metallverarbeitung. Unternehmen sind bei neuen Investitionen zurückhaltend, Investitionen in neue Kapazitäten werden eher im Ausland getätigt, in der EU in Ländern wir Ungarn oder Polen.

Nun könnte man ja annehmen, dass mit diesen Entwicklungen primär auf die Demographie in Deutschland, mit schrumpfender Arbeitsbevölkerung eingezahlt wird und dieses daher langfristig nicht so problematisch sei. Allerdings hat es deutliche Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt, da hier, wenn nicht durch höhere Dienstleistungsproduktion aufgefangen, Rückgänge zu erwarten sind. Damit verbunden sind Steuerausfälle auf allen Ebenen, die bei gleicher Mittelverausgabung der öffentlichen Kassen zu weiterer Verschuldung und mittelfristig auch zu massiven sozialen Einschnitten führen, wenn die mit Haushaltsmitteln des Staates finanzierten Aufgaben nicht effizienter gestaltet werden. Inzwischen liegen die Zinszahlungen am gesamten Bundeshaushalt bereits zwischen 7 und 8 Prozent, für die soziale Sicherung werden ca. 41 Prozent aufgewendet. Der Spielraum für dringend benötigte staatliche Sanierungen und Neuinvestitionen wird damit immer geringer. Auch staatliche Unterstützung von in Zahlungsschwierigkeiten geratene Unternehmen, hat zumeist nur das Ausscheiden der Unternehmen vom Markt hinausgezögert und gesunden Wettbewerbern geschadet.

Voraussetzungen für industrielle Wertschöpfung

Es könnte wohl die industrielle Wertschöpfung erhalten werden, wenn man davon ausgeht, dass durch Migration ein Teil der ausscheidenden Arbeitskräfte ersetzt werden könnte und andere Teile der wegfallenden Produktivität durch steigende Roboterisierung und KI geschlossen werden können.

Dieses wird aber nur der Fall sein, wenn der Standort Deutschland für derartige Investitionen attraktiv ist. Dem stehen aber derzeit schlechte Rahmenbedingungen gegenüber. Bei globalem Handel, trotz allem neuen Protektionismus, müssen wir uns international vergleichen.

Im Weltmaßstab sind die Energiekosten in Deutschland zu hoch und müssen gesenkt werden. Langfristig wird dieses nur gehen, wenn wir genügend Energiespeicherkapazität verfügbar haben, so dass überschüssige Energie an Sonnentagen nicht auf Spotmärkten zu negativen Preisen ins Ausland verkauft werden muss.

Auch die Arbeitskosten sind international sehr hoch, in den EU-Ländern mit nennenswerter Industrieproduktion ist Deutschland am teuersten. Tarifabschlüsse oberhalb der Inflation verstärken diesen Effekt genauso wie höhere Sozialabgaben, bei denen ja die Arbeitgeber, die Hälfte der Sozialabgaben tragen. Hinzu kommt eine im europäischen Vergleich durchschnittlich geringe Wochenarbeitszeit. Und bzgl. der Produktivität haben wir zumindest in der EU kaum noch Vorteile. Auf der anderen Seite erhalten die Arbeitnehmer durch die Steuergestaltung und steigende Sozialabgaben immer weniger Netto vom Brutto. Dieses lässt sich nur durch radikale Veränderungen lösen, bei denen viele Bereiche betroffen sind. Eine Gesundheits- und eine Rentenreform, die zu Einsparungen führen, sind ein erster Weg. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen Steuerentlastungen spüren. Aber es müssen sicherlich auch Subventionen gekürzt werden – manche verzerren ja Marktbedingungen oder verhindern Anpassungsprozesse. Das kann auch dazu beitragen, Steuerentlastungen gegen zu finanzieren. Schließlich wird man auch darüber nachdenken müssen, wie man den öffentlichen Dienst in Deutschland, der mittlerweile auf 5,4 Mio. Beschäftige angewachsen ist, wieder reduzieren kann. Stichwörter sind Demographie und Digitalisierung.

Bürokratieabbau und politischer Handlungsbedarf

Damit sind wir bei dem Bürokratieaufwuchs. Um diesen zu bewältigen, wurden in den letzten drei Jahren rund 325.000 zusätzlichen Beschäftige eingestellt. Dieses hat zu einem weiteren Ansteigen des betrieblichen Overheads geführt, wobei es da die kleineren Unternehmen, bezogen auf den prozentualen Overhead, oftmals stärker trifft.

Nun sind das nicht nur Bundes- sondern insbes. auch EU-Regeln. Neu ist z. B. die EU-Verpackungsverordnung, die neue Auflagen bzgl. des Verpackungsrecyclings macht. Versandverpackungen müssen nun registriert und lizensiert werden. Das schafft in den Unternehmen neuen Aufwand, bedarf aber auch auf der prüfenden Verwaltungsseite zusätzlicher Ressourcen und erhöht damit die Kosten der öffentlichen Verwaltung. Diesen Kreislauf gilt es abzustellen und Regeln zurückzuschrauben, wenn man global wieder wettbewerbsfähig sein will.

Damit zeigt sich: Es muss bei den politischen Rahmenbedingungen vieles gleichzeitig angegangen werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten oder häufig zurückzugewinnen. Es wird individuell viele Betroffene geben, die erst einmal Nachteile für sich sehen. Wenn es aber mehr oder weniger alle trifft, dann wird das sicherlich eher akzeptiert werden. Daher gilt es dabei nach vorne zu schauen und positiv für die Zukunft und die jüngeren Generationen die Weichen zügig so zu stellen, dass der Wohlstand auch langfristig erhalten bleibt.